Von Mut, Selbstbewusstsein und Integration

Außergewöhnlich und ausdrucksstark: Das Tanzprojekt „Romeo und Julia” in der Alten Viehmarkthalle

Ingolstadt (DK) Was für ein Abend! Das virtuose Spiel des Georgischen Kammerorchesters wird nach einer halsbrecherischen Breakdance-Einlage von stürmischem Zwischenapplaus unterbrochen, Jugendliche nehmen Dirigent Markus Poschner auf die Schultern, während die Choreografin Susan Oswell lieber auf eigenen Füßen steht. Julia spricht ihre Liebesbekundungen auf Rumänisch, Romeo antwortet auf Türkisch, und vor der Alten Viehmarkthalle liegt ein roter Teppich im Kies, auf dem sich die Gäste tummeln.

Diese erlebten am Premierenabend des Tanzprojekts „Romeo und Julia” eindrücklich, was 60 Schülerinnen und Schüler, die sich vor sechs Monaten noch nicht kannten, die eher Hip-Hop oder Heavy Metal statt Klassik hören, als einzigartiges Projekt auf die Beine stellen können. Jugendliche aus sieben verschiedenen Nationen mit unterschiedlichem sozialem Hintergrund von drei Ingolstädter Schulen - vom Christoph-Scheiner-Gymnasium, den Hauptschulen an der Herschelstraße und an der Lessingstraße -, fanden Bewegungen, Gestik und Körpersprache. Für eine Bandbreite an Emotionen. Jeder für sich und alle gemeinsam. Bewundernswert, denn kaum einer der Mitwirkenden hatte Erfahrung mit Tanz oder gar Ballett.

Mal in Jeans, mal im Brautkleid

Mit Hingabe und Spielfreude führten die 13- bis 18-Jährigen ihre Version der wohl tragischsten Liebesgeschichte der Weltliteratur auf. Mit der Tänzerin Susan Oswell und der Schauspielerin Ingrid Cannonier erzählten sie die Geschichte nach William Shakespeare neu: zwei Banden, zwei Teenager, die sich verlieben und an der Feindseligkeit der Gesellschaft zugrunde gehen. Mal in Jeans und T-Shirts, mal in prächtigen Kostümen. Mal in schwarzem Ledermantel, mal in weißem Kleid mit Schleier. Große Gefühle mit inniglichen Gesten, feine Regungen mit enormem Ausdruck.

Mit Elan und Ernsthaftigkeit kam es zu rührenden Szenen zwischen Schmerz und Verzweiflung, zu energiegeladenen und akrobatischen Kampfszenen. Stets mit Gefühl für den Moment

und die Musik: Markus Poschner dirigierte eine eigens für das Projekt zusammengestellte Collage. Zu den Etüden für Streichorchester von Franz Hummel produzierten sich Mercutio und seine Freunde, zu den federleichten Miniaturen von Sulchan Zinzadse tanzte die Gesellschaft auf einem farbenprächtig berauschenden Kostümfest, und zu Dimitri Schostakowitschs Kammersymphonie op.110a - mit teils dramatischen Sequenzen - trennten sich die Liebenden. Hauptwerk war die Kammersymphonie Nr. 3 von Sulchan Nassidse, mit der vielschichtigen Klangsprache, den packenden Momenten von Magie und Bedrohung, wie geschaffen für die Romeo-und-Julia-Produktion (Projektleitung: Gudrun Rihl).

Die Inszenierung lebte von der Dynamik, der Leidenschaft, der für das moderne Tanztheater wie geschaffenen Alten Viehmarkthalle, von Lichteffekten und von starken Bildern: Wenn ein rotes Stoffband die Liebe zwischen Romeo und Julia symbolisiert, wenn von irgendwo her eine Lerche zwitschert, wenn bei der berühmten Balkonszene Sieglinde Coroiu und Göksel Akcay in ihren Muttersprachen rezitieren, und sie alle Zuschauer verstehen. Oder wenn zwei Liebespaare auftreten, und das eine am Totenbett des anderen das eigene Schicksal betrauert.

Der Weg war das Ziel

Großer Jubel nach 80 Minuten. Eine faszinierende Aufführung. Und doch wohl viel mehr, als sich in Applaus oder verkauften Eintrittskarten messen lassen könnte. Für die Jugendlichen, das Projektteam, eine große Schar freiwilliger Helfer und viele aktive, ideelle und finanzielle Förderer ist das Ziel erreicht, doch über Monate hinweg war der Weg das Ziel. Da stand nicht die Liebe in der Literatur oder das Leben und Wirken von Shakespeare im Mittelpunkt.

Bei den zahlreichen Proben und Treffen ging es ganz real um Mut und Skepsis, Berührungsängste und Annäherung, um Körpergefühl und Selbstbewusstsein, um Disziplin und Kontiunität. Um Teamgeist. Und um Integration.

Der Ingolstädter Verein „Stiftung Jugend fragt” hatte die Idee zu dem außergewöhnlichen Vorhaben, das sich das Education-Projekt „Rhythm is it!” der Berliner Philharmoniker mit Dirigent Sir Simon Rattle zum Vorbild genommen hat. Ein Wagnis, ein engagiertes Unterfangen.

Es ist geglückt, in vielerlei Hinsicht: Etwa, dass die Alte Viehmarkthalle aus dem Dornröschenschlaf erweckt wurde, und so manch einer von weiteren Veranstaltungen in diesem Gebäude träumt. Dass Umfragen - wie das Programmheft verrät - ergeben haben, dass „die Schule durch das Projekt schöner geworden ist”. Dass sich die 16-jährige Eda Dinc vorstellen kann, weiter zu tanzen, und die 15 Jahre alte Elanur Doganoglu erzählt, „dass sich Freundschaften gebildet haben und wir uns treffen oder chatten”. Und dass die 15-jährige Kristina Kos sagt, dass es lehrreich und aufregend gewesen sei. „Und wir nun keine Vorurteile mehr haben.” Demnach waren die Aufführungen sicher Höhepunkte, aber noch lange kein Schlusspunkt.

Katrin Fehr