Lachen mit Loddar

Statt Ex: Der Comedian Chris Boettcher gab am Scheiner den Vorleser

Von Suzanne Schattenhofer

Ingolstadt (DK) Einmal im Jahr nehmen Politiker und Prominente im ganzen Land Ihr Lieblingsbuch zur Hand und gehen hinaus, um Kindern oder alten Menschen etwas vorzulesen. Schüler vom Christoph-Schelner-Gymnasium hatten am Freitag das Vergnügen mit Comedian Chris Boettcher.

Allerdings ging Boettcher seinerzeit, 1975, nicht aufs Scheiner, sondern auf das Reuchlin-Gymnasium. „Abitur hab' ich aber am Apian gemacht - da war's leichter.” Um ein Haar sei er Lehrer geworden. „Aber ich hab' mein Deutsch-Studium erfolgreich abgebrochen.” Es waren wohl die Gene des Vaters, der sich als singender Braumeister einer gewissen Berühmtheit erfreute. Chris ging zum Radio und wurde Comedian. Seine Parodien auf Fußballgrößen wie Franz Beckenbauer oder Lothar Matthäus („Fränglisch mit Loddar”) kennt jedes Kind.

Klar, dass die Jugendlichen begeistert waren von so einer Vorlesestunde, die Julia Lebe aus der elften Klasse eingefädelt hatte. Zumal keiner aus der 10b für die eigentlich vorgesehene Sozialkunde-Ex gelernt hatte. Boettcher stürmte mit einem ganzen Stoß Bücher in die alte Turnhalle, erklomm die Bühne und stellte erst einmal den goldgesprenkelten Weihnachtsstern vom Tisch.

Zum Aufwärmen schlug Boettcher einen Band mit Kurzgeschichten von Satiriker Max Goldt auf - der Titel: „Ä”. Die Anmerkungen über eintrudelnde Gästen, heimliches Stöbern in fremden Badezimmerschränkchen und altrosa „umpuschelte” Toilettendeckel lösten sogleich die Stimmung im Publikum. Leider musste Boettcher abrupt im Text abbrechen, weil es zu erotisch wurde. Durch die ganze Turnhalle tönte ein enttäuschtes „Oooohhh”. Das konnte die Aldi-Geschichte nicht wettmachen, selbst wenn sie den wertvollen Hinweis enthielt, mit einem Großgebinde Klopapier nicht zum Bewerbungsgespräch zu gehen.

Dafür brüllten die Pennäler vor Lachen, als Chris den „Loddar” als „strange-speak-teacher” (Fremdsprachenlehrer) gab. Ein ziemlich strenger Lehrer, der gleich mit „after sitting” (Nachsitzen) drohte, falls die „round walk formes” (Umgangsformen) zu wünschen übrig ließen. Dann las der Ingolstädter eine Passage aus seinem Werk „Die Krone der Erschöpfung” vor, das erst im Februar erscheint. Darin schildert der Familienvater zum Beispiel den Ikea-Einkauf nach dem Motto „Lachst du noch oder stöhnst du schon?” Es folgten Gedichte aus dem „Literatur

Lesebuch” von Eugen Roth und Erich Kästner. Zeilen wie „lasst die Ochsen büffeln” kamen beim jungen Publikum natürlich auch sehr gut an.

Und so ging es munter hin und her zwischen Literatur und Lachnummer, und der Minutenzeiger der Turnhallenuhr kam derweil kaum von der Stelle. Boettcher erklärte zum wiederholten Mal: „Ich wusste nicht, dass ich hier zwei Stunden sitzen muss.” Und überließ seinen Platz kurzzeitig einem Nachwuchstalent vom Scheiner: Michael Croce schlug sich wacker und bekam nach der Show nicht nur Beifall sondern auch Tipps vom Profi.

Kurz vorm Pausengong, nachdem der halbe Saal noch den Wiesnhit „Zehn Meter: gehn” mitgegrölt hatte, wurde Boettcher plötzlich ganz ernst und legte den Schülern sein Lieblingsbuch von Heinrich: Mann ans Herz: „Der Untertan”. „Eine klasse Geschichte die richtig Angst und Mut macht. Da versteht man, wie das mit Hitler passieren konnte.” Tosender Applaus beendete den Auftritt. Vielleicht hätte Chris Boettcher doch Lehrer werden sollen.

Am bundesweiten Vorlesetag, der zum siebten Mal von der Stiftung Lesen und der Wochenzeitung Die Zeit veranstaltet wurde, beteiligte sich in Ingolstadt auch Familienministerin Christine Haderthauer (CSU), die im Kinderhaus der Bürgerhilfe aus dem Buch „Der kleine Maulwurf” vortrug. Weihnachtliche Geschichten gab Landtagsabgeordneter Achim Werner (SPD) im HeiligGeist-Spital zum Besten, und MdL Markus Reichhart (Freie Wähler) las in der Antonschule aus dem Buch „Hilfe, die Herdmanns kommen”.