Kleiner Piekser, hoffentlich große Wirkung

Bei der Typisierungsaktion wollen 755 Spender der krebskranken Lehrerin Katja Lösser helfen

Von Christian Rehberger

Ingolstadt (DK) Alle waren sich einig: Auch wenn die 1000er-Marke nicht geknackt wurde, war die Typisierungsaktion am Christoph-Scheiner-Gymnasium ein voller Erfolg. 755 Spender kamen und wollten der krebskranken Lehrerin Katja Löser oder anderen helfen. Ein DK-Redakteur stellte sich mit in die Schlange.

„Wir sind heute zufrieden, wir sind immer zufrieden“, sagt Michaela Ortmann von der Stiftung Aktion Knochenmarksspende Bayern (AKB), als am Ende die 755 aufleuchtet. Jeder neue Name, jede Gewebeprobe in ihrer Datenbank könnte eventuell der Treffer sein, eventuell ein Leben retten. Ortmann organisiert die Typisierungen. „Wenn wir gerufen werden, rücken wir jedes Wochenende aus.“ Die Aktionen kosten aber Geld, viel Geld. Das wird in der Scheiner-Turnhalle sanft vor Augen geführt. Spendenboxen warten auf Scheine. Noch mehr gefragt ist allerdings das Blut, das Scheiner-Eltern, die Ärzte sind, abnehmen. 2,7 Milliliter füllen ein Röhrchen.

Was die Spender am Samstag als Erstes umgibt, sind Herzlichkeit und Dankbarkeit. Und ein beinahe unglaublicher Einsatz von Schule, Schülern, Förderverein und Eltern. Das lässt sich am besten im Foyer der Turnhalle erkennen: Mütter verkaufen selbst Gebackenes. Es müssen fast 100 Kuchen sein, die auf den Tischen warten.

Um kurz nach elf reicht die Schlange mit den Spendern bis in den Pausenhof. Das Scheiner-Team hat sich für den großen Ansturm gerüstet. Selbst am Samstag sind die Werber in der Innenstadt unterwegs. Auf dem Wochenmarkt verteilen sie die bekannten blauen Zettel: „Helfen Sie Katja!“

Den jüngeren Schülern bleibt nur das Werben. Sie würden gerne spenden, müssen aber eben volljährig sein. Doch bei den älteren Gymnasiasten ist die Anteilnahme gewaltig. Am Nachmittag drängen auch viele Ehemalige vom Scheiner geradezu in die Halle. „Fast die Hälfte der Spender sind Schüler“, schätzt Ortmann. Der Altersschnitt von 32 Jahren bei 755 sei erstaunlich niedrig.

Eine Zahl spukt beim Warten durch den Kopf: Eins zu 100. Das ist die Wahrscheinlichkeit, als Ingolstädter als Spender für irgendjemanden auf der Welt gerufen zu werden. „Die Ingolstädter haben ein super Mischblut“, sagt Dr. Elisabeth Hupfer-Dirksen, Ärztin und Scheiner-Mutter. Die gute Quote rührt daher, dass viele einfach keine echten Schanzer sind, sondern von auswärts kommen.

So ist das auch bei dem Redakteur in der Schlange. Der Blick fällt auf die große Leinwand, die links neben den zwölf Computerarbeitsplätzen steht, an denen die Daten der Spender erfasst werden. 115, 162, 169: Die Zahl der Registrierten schießt in den ersten Minuten nach oben. Bis die Schlange schrumpft, ja ganz verschwindet. Nur mehr tröpfchenweise treten die Spender durch die Tür. Die Organisatoren müssen warten.

Das gilt auch für die, die Blut gegeben haben. „Viele aus der Kartei hören nie mehr was von der Stiftung. Das darf einen aber dann auch nicht enttäuschen“, findet Dr. Hupfer-Dirksen. Sie weiß: „Wenn es um einen ganz schweren Fall handelt, und man passt, dann kommt man auch in höherem Alter noch dran.“ Das gibt dem neuen Spender gleich ein noch besseres Gefühl: Wenn er bei Katja Löser nicht als genetischer Zwilling infrage kommt, dann vielleicht für jemand anderen.

Alle wollen natürlich in erster Linie der Scheiner-Lehrerin helfen. Sie muss im Krankenhaus in Regensburg behandelt werden. Doch trotzdem ist sie am Samstag allgegenwärtig. Ihre Fotos haben die Schüler auf die Plakate drucken lassen. Sie hängen in der Halle. Man hat sozusagen immer Blickkontakt, wenn man zur Blutabnahme auf einen freien Platz bei den Ärzten wartet.

Bernhard Schaudig, Scheiner-Vater und passenderweise ein Urologe, winkt den Redakteur herbei. Doch der hat ausgerechnet schon einen Termin bei der Frauenärztin Hupfer-Dirksen für den kleinen Piekser mit hoffentlich großer Wirkung vereinbart. Ein bisschen Schmunzeln ist trotz des ernsten Themas erlaubt. Ohnehin sind Spender und Schulfamilie guter Dinge. Vor allem eint sie das Wissen, alles in ihrer Macht stehende getan zu haben.