Beklemmung in der Fronte

Ingolstadt (DK) Zum Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz veranstaltete die Stadt gemeinsam mit dem Christoph-Scheiner-Gymnasium am Freitag eine Gedenkfeier. Die Schüler präsentierten in der Fronte Musik, Lesungen und szenisches Theater.

Traurige Klänge, hebräischer Gesang und düstere Worte auf einer Bühne mit schwarzen Vorhängen. Mit einem schwermütigen Programm wollten die Schüler des Christoph-Schei-ner-Gymnasiums ihr Publikum zum Nachdenken über den Holocaust anregen. Die öffentliche Gedenkveranstaltung fand am Freitag statt, da sich die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz zum 67. Mal jährte. Seit 1996 ist der 27. Januar offiziell staatlicher Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus. Ingolstädter Schüler gedenken der ermordeten Menschen seit 1998.

Zur Begrüßung hielt der Kulturreferent Gabriel Engert eine kurze Rede, in der er die Nazizeit als „schwierigstes und dunkelstes Kapitel in der deutschen Geschichte“ bezeichnete. Manche seien der Meinung, dass sich die Schulen zu intensiv mit dem Thema befassen würden. Er aber halte es für unerlässlich, sich der Vergangenheit zu stellen.

Der Direktor des Scheiner-Gymnasiums, Gerhard Maier, lobte die Gedenktradition: „Es ist eine sehr schöne Einrichtung der Stadt, einmal jährlich diesen Tag zu begehen.“ Besonders gut fände er, dass die Schulen bei der Veranstaltung eine tragende Rolle hätten. „Bei den Kindern muss ein historisches Bewusstsein entstehen“, betonte Maier. Nur so könne man rechtzeitig auf antisemitische und rechtsradikale Strömungen reagieren und ihnen entgegenwirken.

Die Veranstaltung stand unter dem Zeichen hebräischer Musik. Ein Chor sang das Lied „Shalom aleichem“ – auf deutsch „Friede sei mit dir“ – ein traditioneller hebräischer Friedensgruß. Zuvor spielte ein Instrumentalensemble sogenannte Klezmer-Musik, ein Tribut an die Kultur der Juden. Zwischen den musikalischen Stücken trugen die Jugendlichen zwei gegensätzliche Lesungen vor. Zunächst rezitierten drei Schülerinnen aus den Tagebüchern von Viktor Klemperer. Der jüdische Schriftsteller schilderte darin seinen Alltag als ausgegrenzte Person im Dritten Reich. Mit ruhiger Stimme lasen sie einige der bedrückenden Passagen vor. Das düstere Licht auf der Bühne verstärkte die beklemmende Stimmung in der Fronte.

Die zweite Lesung umfasste Auszüge der Tagebücher von Rudolf Höß, der Lagerkommandant von Auschwitz. Höß war von Hitler höchstpersönlich mit der „Endlösung der Judenfrage“ beauftragt worden. Ein Sprecher aus dem Off las die gefühllosen Aussagen von Höß vor. Dazu stellten mehrere Mädchen die Passagen pantomimisch abstrakt dar. Stampfend liefen sie in schwarzer Kleidung über die Bühne – eine mahnende Erinnerung an die Vergasung der KZ-Inhaftierten.

Am Ende der Veranstaltung zeigte das Projektseminar Geschichte Bilder der Stolpersteine, die sie in der Innenstadt verlegen wollen. Die Violinistin Shiho Takashima begleitete die unkommentierte Powerpoint-Präsentation mit einem melancholischen Stück von Johann Sebastian Bach, das die Zuhörer betroffen im Raum zurückließ.


(Von Jessica Roch)