Große Gefühle als Integrationshilfe

Im Tanztheater-Projekt „Elektras Traum” interpretieren Jugendliche einen antiken Stoff auf moderne Weise

Ingolstadt (DK) Zwei Mädchen gehen aufeinander zu. „Es ist nicht wahr!" -„Doch Elektra, doch”, tönt es aus dem Off. Die Mädchen nehmen sich in die Arme. Harsche Geigentöne erklingen. Tänzerinnen erkunden den Raum hinter dem Duo. Die beiden Mädchen starren nach oben, und Elektra begreift, dass ihr Vater tot ist. „Elektras Traum” heißt die moderne Variante des mythologischen Stoffes, die die Regisseurin Ingrid Cannonier und die Choreografin Susan Oswell mit mehr als 90 Jugendlichen erarbeiten. Das Projekt bringt Schüler und klassische Musik zusammen, Tanztheater und Integration, Jugendliche und professionelle Künstler.

Initiiert wurde „Elektras Traum” von der Stiftung „Jugend fragt”. Deren stellvertretende Vorsitzende Gudrun Rihl betont die Bedeutung des Integrationsprojekts: „Wir arbeiten hier mit Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft.” Die Schüler kommen von der Herschelschule, der Lessingschule, der Gnadenthal-Mädchenrealschule und dem ChristophScheiner-Gymnasium. Bei „Elektras Traum” arbeiteten die Schüler auf Augenhöhe mit professionellen Künstlern, sagt Rihl. „Und hier begegnet ihnen Kunst, die ihnen normalerweise verschlossen bliebe.” Dafür sorgt unter anderem das Georgische Kammerorchester unter Ariel Zuckermann, das bei allen Aufführungen Musik von Antonio Vivaldi, Witold Lutoslawski und Susan Oswell spielt.

Zurück in der Turnhalle: Die Darsteller laufen durcheinander, hin und her zwischen ihren Positionen. Auf Kommando marschieren sie, springen sie, tanzen sie synchron. Mehr oder weniger. Denn jeder macht ein bisschen, was er will. Doch alles passt zusammen. Rihl ist begeistert: „Die Schüler lassen sich einfach auf die Musik ein.” Sie reflektierten nicht darüber, dass sie zu Musik von Vivaldi tanzten. „Sie reagieren einfach auf den Rhythmus.”

Der Elektra-Stoff erzählt, wie Agamemnon von seiner Frau und ihrem Liebhaber ermordet wird. Agamemnons Tochter Elektra schmiedet Rachepläne. Für „Elektras Traum” wurde der Stoff abgewandelt. „Wir wollten einen Bezug zu dem Leben der Schüler herstellen”, sagt Ingrid Cannonier. Deswegen habe man eine alltägliche Situation geschaffen: Elektra ist eine von zwei Töchtern einer geschiedenen Mutter. „Elektra hält diese Situation nicht mehr aus”, sagt Ingrid Cannonier. „Sie spaltet sich auf, beamt sich in eine Traumwelt.”

„Die Proben machen voll Spaß”, sagt Gülcan Uz. Die 16-Jährige ist eine von vier Elektras. Vier sind es, da jede Rolle doppelt besetzt ist und es je eine reale und eine Traum-Elektra gibt. Während die Traum-Elektra Gülcan tanzt, spricht ihr reales Pendant Joanna Gkanidou aus dem Off.

Unterstützt wird „Elektras Traum” von der Stadt Ingolstadt, der Sozialen Stadt und Sponsoren wie Audi. Und der Autohersteller hilft nicht nur mit dem Scheckbuch: Auszubildende betätigen sich zum Beispiel als Bühnentechniker. Andere Aufgaben wurden von Schülern übernommen. Einige haben zusammen mit dem Grafiker Kai Hummel Flyer und Plakate gestaltet. GnadenthalSchüler haben ein Bühnenbild entworfen, das Schüler der P-Klasse der Herschelschule handwerklich umsetzen.

Bereits in den vergangenen beiden Jahren hatte die Stiftung „Jugend fragt” Tanztheater-Projekte realisiert. Was es bei diesen Projekten aber nicht gab, ist die Vernetzung mit den Quartieren der Sozialen Stadt. Bei Projekttagen gibt es unter anderem einen Zivilcourage-Workshop der Polizei, eine Veranstaltung zu „Liebe, Beziehung und Co” und einen Selbstbehauptungskurs für Mädchen. „Die Projekttage greifen auf, was im Stück vorkommt”, sagt Christoph Bittlmayer von der Sozialen Stadt. „Mord, Totschlag, aber auch Liebe und Freude.”

Premiere feiert „Elektras Traum” am 15. Juli in der Viehmarkthalle. Weitere Aufführungen sind für den 16. und den 17. Juli geplant. Karten gibt es in der DK-Geschäftsstelle und im Kulturamt, Telefon (0841) 3 05 18 11.

Von Tom Webel