Geschichtsstunde in der Festung

Stadtmuseum bietet erstmals Führung für Schulklassen in der Fronte Rechberg an

Ingolstadt (ms) Eine Festung als Klassenzimmer kann eine gruselige Erfahrung sein: Erstmals nahmen nun Schülerinnen und Schüler an einer neuen Führung des Stadtmuseums teil und erlebten die düstere Atmosphäre in den unterirdischen Kasematten der Fronte Rechberg.

„Wer ist der Mutigste von euch”, fragte der Ingolstädter Stadtarchäologe Gerd Riedel die 30 Mädchen und Buben vom Christoph-Scheiner-Gymnasium, als er gestern Vormittag die schwere Kette an der Gittertür zu den Kasematten nahe der Rechbergstraße öffnete. Sofort gingen einige Hände in die Höhe, doch manche der 11- bis 13-jährigen Kinder verließ der Mut dann doch recht schnell. Angesichts der zappendusteren, muffigen und feuchten Festungsanlagen, die teilweise unterirdisch unter der Straße verlaufen, kreischten die Jugendlichen erst einmal ohrenbetäubend und ausdauernd wie in der Geisterbahn.

Nach der Schrecksekunde erkundeten die Gymnasiasten jedoch neugierig die gut 150 Jahre alten, militärischen Ziegelbauten an der Fronte Rechberg. „Das ist interessant und gruselig”, schilderte die 13-jährige Finja ihre Eindrücke von dem versteckten Festungsbau, der ihr bislang völlig unbekannt war. Zwei Stunden dauerte die Führung, die im Stadtmuseum am Sandtner-Modell begann und sich vom Kavalier Hepp zum ehemaligen Kavalier Spreti, dem noch existierenden Kavalier Elbracht, den Friedenskasernen bis zur Fronte Rechberg erstreckte. So einen Ausflug, nickte Finja eifrig, würde sie auch gerne nochmals mit ihren Eltern machen.

Die Entwicklung der Ingolstädter Festungsgeschichte vom Mittelalter bis zum Barock ist eben spannend und zugleich lehrreich. Die Scheinerlehrerinnen Annette Frommer-Schiml und Gudrun Russwurm freuten sich indes nicht nur über den Geschichtsunterricht vor Ort, sondern auch über die Erweiterung der Sprachkenntnisse. Schließlich stammen die Festungsbezeichnungen wie Kaponniere oder Kontergarde aus dem Französischen. Zudem vermittelt die neue Führung des Stadtmuseums mit dem Titel „Klassenzimmer Festung” auch noch ein Stück Heimatgeschichte.

Besonderen Wert legen die Musemspädagogen auf die Friedenserziehung. „Militärisches wird nur soweit erklärt, wie es zum Verständnis der Festungsbauten notwendig ist”, erläuterte Gerd Riedel, der gestern erstmals die begehbaren Teile der Fronte Rechberg und neue Schautafeln mit Informationsmaterial vorstellen konnte. Dabei erinnerte er auch an die toten Zivilisten, die bei einem Bombentreffer in den Kasematten während des Zweiten Weltkriegs ums Leben kamen. Ein Original-Stockbett und Utensilien wie Kerzen, Bombensplitter oder der Fäkalieneimer vermittelten hautnah die bedrückende Atmosphäre in dem provisorischen Luftschutzbunker. „Das ist hier ein sehr trauriger Ort”, sagte der Stadtarchäologe.