Froschkönig, Kokser und Boxer

Ingolstädter Gymnasiasten präsentieren die Ergebnisse des Literatur-Workshops

Ingolstadt (DK) Literatur besteht aus Aneinanderreihungen von toten Buchstaben. Sie braucht eine Bühne, um zu wirken. Die Bühne kann die Vorstellung eines Einzelnen sein, der Kopf des Lesers. Ihre volle Magie entfalten viele Texte aber erst, wenn Einzelne ihre Visionen auf einer Bühne bündeln. Genau das haben Ingolstädter Schüler getan. In der Volkshochschule präsentierten sie die Ergebnisse ihrer Zusammenarbeit mit bekannten Autoren.

"2007 haben wir das Konzept unserer Literaturtage verändert und die Workshops an den Schulen in den Mittelpunkt gestellt", sagt Kulturreferent Gabriel Engert einleitend. Die Jugendlichen interessiert das knapp die Hälfte. Ein Lederjacke tragender Schüler bindet sich die langen Haare zusammen. Ein Mädchen mit braunen Locken starrt konzentriert auf ein Blatt Papier. Sie bereiten sich auf ihren Auftritt vor.

Reine Lust am Theaterspielen zeigen die Reuchlin-Gymnasiasten. Mit Fitzgerald Kusz haben sie sich dem Froschkönig gewidmet. Der spricht bairisch: "I hob da woi was foisches gsagt und nachad hat mi a Hex verwandelt." Die Prinzessin zickt hochdeutsch. "Vergiss es, Du widerliches Krötentier", entgegnet sie dem verwunschenen Prinz.

Die Gnadenthal-Schüler haben Teile der Erzählung "Hochzeit im Dunkeln" dramatisiert, zusammen mit dem Autor Harald Grill. Darin geht es um den Kriegsheimkehrer Michael, der ein Bein und damit seine Zukunftspläne verloren hat. Da stehen sie nun, die Gnadenthal-Schüler. Der Lederjackenträger und die Braungelockte sind auch darunter. Jeder hat ein Schild um, auf dem seine Rolle steht: "Michael", Mia Waschweib" oder "Fremder". Die Schüler vermeiden Blickkontakt mit dem Publikum, sind nervös. Doch sie machen ihre Sache gut, setzen den Prosatext authentisch, witzig und bewegend in Szene.

Schüler des Katharinen-Gymnasiums haben mit der Autorin Melanie Gieschen eine Szene erarbeitet, in der sich eine Tochter mit ihrer strengen Mutter streitet: Die Jugendliche will auf eine Party gehen, um zu einer Clique zu gehören. Letztlich schleicht sie sich aus dem Haus. Doch die Party gibt es gar nicht, die Clique hat sie reingelegt. In einer anderen Szene findet ein Mädchen heraus, dass ihr Freund und eine Freundin koksen. Sie verpfeift sie bei der Polizei. Wer ist der Böse, was ist die Moral von der Geschichte? Die Antwort bleibt den Zuschauern überlassen.

Auch die Apian-Gymnasiasten verweigern sich allzu simplen Botschaften. In "Benn will nicht boxen" erzählen sie die Geschichte eines jungen Boxers, der nicht mehr boxen will, sondern nur noch für seine behinderte Schwester sorgen. Doch alle im Umfeld reden so lange auf ihn ein, bis er wieder in den Ring steigt. Ist er nun standhaft, weil er weiter macht, oder ein Umfaller, weil er dem Druck nachgegeben hat

Mit Erwartungsdruck beschäftigen sich auch die Schüler des Christoph-Scheiner-Gymnasiums: Ein Mädchen sitzt im Park und hört, wie zwei Joggerinnen über Dicke lästern. Das Mädchen, das sich bereits auf 40 Kilogramm runter gehungert hat, fühlt sich angesprochen. "Wegen Leuten wie euch kann ich nicht mehr vor die Tür gehen", schreit sie.

An diesen Auftritten hätten Jugendpsychologen und Sozialpädagogen ihre Freude. Die Schüler setzen die Themen um, die sie bewegen: Identität, Freundschaft, Erwartungs- und Anpassungsdruck. Es spricht für die Qualität der Workshops, die Arbeit der Autoren und das Konzept der Literaturtage, dass es den Schülern auf diese Weise gelingt, Literatur zum Leben zu erwecken.

Von Tom Webel