„Es interessiert mich halt”

Richard Walter gehört unter Deutschlands Schülern zu den 50 besten Physikern

Von Christian Silvester

Ingolstadt (DK) Schuld war nur eine Bikonvexlinse. Weil er die nötigen Brechungsindizes nicht kannte, mit deren Hilfe man aus dem Krümmungsradius die Brennweite errechnet, darf sich Richard Walter nicht zu den 25 besten Nachwuchsphysikern der Republik zählen; in der entscheidenden Prüfung fehlten ihm dafür nur ein paar Punkte. Trösten mag den Schüler des Scheiner-Gymnasiums, dass er immerhin zur Schar der 50 besten Nachwuchsphysiker gehört. Ist ja auch schon was.

Dabei hat ihn der Impuls, ins Rennen um die 38. Internationale Physik-Olympiade zu gehen, eher zufällig ereilt: Walter stand vor dem schwarzen Brett der Schule, vor ihm prangte ein Plakat, das für den Wettbewerb warb, doch er beachtete es gar nicht. Bis Werner Eigenmann, Fachbetreuer für Physik, dazutrat und seinem Musterschüler den Weg wies. Souverän erreichte er die dritte Runde. So kam es, dass der 19-Jährige im Januar ins schöne Sankelmark bei Flensburg reisen durfte, wo die dritte Runde des deutschen Vorentscheids für die PhysikOlympiade angesetzt war - bis hier die besagte Bikonvexlinse seinen Siegeszug stoppte.

Doch sein Vorstoß in Runde drei gilt am Scheiner als mittlere Sensation. Keiner kann sich mehr daran erinnern, wann ein Schüler der einstigen Oberrealschule zuletzt solch einen Erfolg feiern durfte. Direktor Peter Bergmann hat recherchiert: „Das war in der grauen Vorzeit unserer Schulgeschichte.”

Dabei sieht sich Richard Walter gar nicht als jemand, der in der Sprache der Jugend „Physik-Freak” genannt wird. „Ich bin kein Freak!", sagt der Ingolstädter, der in diesem Jahr das Abitur macht. „Es interessiert mich halt." Das ist etwas untertrieben für einen, der Leute, deren mathematisch-physikalisches Talent dem Schwachstrom-Bereich ähnelt, regelmäßig in Angst und Schrecken versetzt. Richard Walter ist einer von jenen, die beim Begriff Spannung zuerst an elektrische Ladungen denken und nicht an einen Krimi. Einer, der für die Lösung einer 20 Zentimeter langen Gleichung sicher nicht länger braucht als für die Verspeisung eines Frühstückseis.

Auch wenn er das selbst nie so sagen würde. Ganz beiläufig erzählt der 19-Jährige, dass er im Unterricht von Klassenkameraden gern als erster um Rat gefragt wird, also noch vor dem Lehrer. „Ich weiß ja auch nicht, irgendwie gehöre ich zu denen, die immer recht schnell den Lösungsweg finden.” Sein profundes Interesse für die Physik sei eine Ursache, konzentriertes Üben eine weitere. Und, ja klar, „ein bisschen Begabung gehört natürlich auch dazu”.

Neidisch seien die Klassenkameraden nicht, erzählt er. Außerdem würden seine Leistungen jenseits des mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereichs moderate Werte ergeben: „Sprachen gehen noch, der Rest ist Durchschnitt.”

Die Welt der Physik erforschte er schon als Grundschüler. Mit seinem Vater, einem Elektroingenieur, lötete er alles zusammen, was ihm zwischen die Finger kam, oder schraubte defekte Videorekorder auseinander und neu zusammen. Die theoretische Dimension fasziniert ihn nicht minder. Albert Einstein bewundert er, „weil er Dinge erklärbar gemacht hat, über die andere vorher nur den Kopf geschüttelt haben”. Oder Isaac Newton: „Der war sowieso ein genialer Allrounder.”

Seinen weiteren Bildungsweg hat Richard Walter bereits vorausberechnet: Er will in München Physik studieren - bei der Bundeswehr. Die Bedingung, dafür die Offizierslaufbahn einschlagen zu müssen, schreckt den 19-Jährigen kein bisschen.

Eine hilfreiche Qualifikation besitzt er schon: Walter ist ein begabter Scharfschütze. Bei der Weißen Taube Unterhaunstadt schießt er mit dem Luftgewehr einen Neuner-Schnitt. Und er hat sogar noch größere Ziele: „Jetzt visiere ich die 9,3 an!”