Einmalig, aber heftig

Das historische Doppelabitur konfrontiert Schüler und Lehrer mit immensen Belastungen

Von Christian Silvester

Ingolstadt (DK) Der einzigartige Ernstfall tritt in Kürze ein: Die Gymnasien müssen fast parallel zwei Jahrgänge durch die Abiturprüfungen bringen - den letzten des G9 und den ersten des G8. Am Beispiel des Scheiner-Gymnasiums wird deutlich, welche immensen Belastungen das für Schüler und Lehrer bedeutet.

Der Ostergottesdienst muss heuer ohne angehende Abiturienten auskommen „Der Zeitplan ist so eng, dass praktisch keine außerschulischen Aktivitäten stattfinden können. Also nicht mal ein gemeinsamer Kirchenbesuch. Peter Bergmann, der Direktor des Scheiner-Gymnasiums, weiß genau, worüber er spricht, denn die erwähnten Zeitpläne liegen vor ihm. Einer für die Reifeprüfung des letzten G9-Jahrgangs, einer für die Pioniere des G8; beide Seiten dicht bedruckt. Zusammen mit seinem Direktoratsmitarbeiter Karl-Heinz Haak, Schulbeauftragter für das Doppelabitur, ist er seit Jahresbeginn am Planen. Eine komplizierte Aufgabe. Ihr Trost: Die Situation ist einmalig.

Das aber in jeder Beziehung. Die Belastungen werden gewaltig sein, für Lehrer und Schüler. „Im G8 sind bis zu den Osterferien jede Woche zwei Schulaufgaben”, sagt Haak. Die letzte in der ersten Maiwoche. Es bleibt nur eine Woche bis zum Beginn der schriftlichen Abiturprüfungen. Deutsch am Freitag, den 13., dann Mathematik und am 20. Mai die so genannte fortgeführte Fremdsprache. „Für die Schüler ist das alles schon sehr brisant”, bekennt Bergmann.

Schlag auf Schlag geht es weiter. Die mündlichen Prüfungen starten am 23. Mai. Erstmals in der Geschichte treten vier- bis fünfköpfige Gruppen im Block zum Kolloquium an. Von 7. bis 10. Juni besteht die Möglichkeit, die Abiturnote durch eine weitere mündliche Prüfung zu verbessern. „Und am 10. Juni haben sie es dann geschafft.” Die historische erste G8-Absolvia wird am 1. Juli entlassen.

Noch enger wird es für die letzten Absolventen des neunjährigen Gymnasiums: Sie haben schon vor Weihnachten die Facharbeiten abgegeben. Am 2. März ist Notenschluss, am 18. März starten die schriftlichen Prüfungen, sie dauern bis 31. März. Die Kolloquien sind zwischen 4. und 8. April angesetzt. Die Abiturfeier ist am 2. Mai geplant, Änderungen vorbehalten.

Nicht zu vergessen: „Die Korrekturbelastung der Kollegen ist immens”, berichten Bergmann und Haak. So bleiben etwa dem Leiter des 25 Schüler zählenden Leistungskurses Physik mitsamt dem Zweitkorrektor gerade mal neun Tage, dann müssen schon die Noten vorliegen. Oder dieses Beispiel: Das Grundkursabitur vom 18. März (G9) muss bis 7. April korrigiert sein. Es kann

passieren, dass derselbe Lehrer noch ein Leistungskursabitur zu bewältigen hat, ehe er sich im Mai den Klausuren der G8-Abiturienten zuwenden muss. „Es kommen natürlich die Schulaufgaben in den anderen Klassen dazu”, erklärt Haak. „Denn der Unterricht läuft schließlich weiter”, fügt Bergmann an. Die Stimmung im Kollegium sei d± her „spürbar angespannt”. Studiendirektor Haak vertraut auf die Solidarität: „Wir werden alle gut zusammenhelfen!” Auch der Scheiner-Chef bietet seine geballte Erfahrung auf. Ein Mal noch. Wenn das Doppelabitur überstanden ist, beginnt für den 67-Jährigen der Ruhestand.

Zumindest fällt sechseinhalb Jahre nach der Einführung des G8 Bergmanns Zwischenbilanz milder aus, als es erst zu erwarten stand. „Man hat anfangs ja sehr schwarz gesehen. Aber inzwischen heben immer mehr Kollegen hervor, dass die Kompetenz der Schüler in mündlichem Vortrag und Präsentieren stark zugelegt hat.” Er schränkt aber ein: „Ciceros ‘De re publica’ hat man bisher in der 13. Klasse übersetzt. Aber jetzt mit 16-Jährigen, das ist schon früh.” Haak stimmt zu; „Es fehlt ein Jahr, den Unterschied merken wir ganz klar. Plötzlich müssen sie sich mit 16 beruflich orientieren und Selbstständigkeit zeigen. Das braucht seine Zeit.”

Aber Zeit, so lehrt das G8, ist eben ziemlich knapp.