Eine fantastische Frau

Schüler beschäftigen sich mit Christoph Scheiners Mutter

Von Karin Derstroff

Ingolstadt (DK) Da sitzt sie, Charlotte, in Gips. Lebensgroß, ersonnen, das Buch auf dem Schoß, das weiße Gesicht ruhig und gütig. Denkmal für die Frau, der Christoph Scheiner, der große Astronom, alles verdankt: seine Mutter, seine Förderin. Und sie ist – erfunden.

Ein wundersames Kunstprokt stellen die Schüler des Scheiner-Gymnasiums anlässlich des 150. Jubiläums ihrer Schule und anhand der fiktiven „Charlotte Scheiner – eine fantastische Frau” im Kunst-Werk im Klenzepark aus. Rekonstruierten „Spuren” einer Unbekannten, von der man real nicht einmal den Namen kennt und sicherten „Beweise” ihrer Existenz: Mit dem Ölbild eines „unbekannten Meisters von 1580”, das Charlotte und Baby Christoph zeigt – und das drei Mädchen aus dem Wahlkurs Kunst der 11. Klasse wahrlich altmeisterlich malten. Mit Spielzeugtieren aus Keramik, die Charlotte für ihr Kind formte – und die Arbeiten der 6. Klasse sind. Ebenso wie die Pflanzendrucke, mit denen sie sich beschäftigte, als sie ihrem Sohn nach Ingolstadt gefolgt war. Mit ihren Schnittmustern, Wandbordüren, Modeentwürfen – schließlich musste die Mutter, früh verwitwet, den Lebensunterhalt verdienen. Und natürlich mit Christophs frühesten Entdeckungen. Reizend: dessen zeichnerische Versuche, mit Erfindungen wie einer „Waschmaschine” („damit meine Mutter nicht mehr zum Fluss laufen muss”, steht krakelig darunter) das Leben seiner Mama zu erleichtern. Die siebten Klassen waren hier am Werk.

„Wir wollten mit dem Projekt natürlich auch über Christoph Scheiner selbst informieren”, sagt Kunsterzieherin Dagmar Hummel, die die Idee zum Ausstellungsprojekt hatte. Die die ausführliche (und sehr glaubwürdige!) Biografie erfand, an der sich die Arbeiten der Schau nun orientieren. Und die mit Kollegin Annette Glück das Langzeit-Projekt schließlich realisierte. Ein Jahr lang arbeitete der „Wahlkurs Kunst” explizit am Thema, aber auch beinah alle anderen Klassen haben sich beteiligt. Herausgekommen ist eine herrliche, originelle und keinesfalls nur für Lehrer oder Eltern interessante Schau. Dass die auch noch den Leistungsbeweis des Kunstunterrichts der Schule liefert, ist weitere überzeugende Qualität.

Denn es gibt alle Techniken, die man im Schulverlauf eben so lernt: Kartondruck und Malerei, Keramik und Zeichnung, Fotos und Skizzen, Architekturversuche und Schmuckentwürfe. Doch nie steht das im Vordergrund, sondern ordnet sich immer dem großen Thema, der Spurensuche, unter. Und die ist, mit „exakten” Datierungen der pittoresken Exponate und der Angabe der „Fundorte”, so gut geglückt, dass bei der Vernissage so mancher Gast an die echte Charlotte Scheiner glaubte.