Ein Stein, Ein Name, Ein Mensch.

Schüler des Scheiner-Gymnasiums erinnern an ermordete und emigrierte Ingolstädter

Von Christian Silvester

Ingolstadt (DK) In mehr als 600 Orten erinnern Pflastersteine mit Messingkappen vor Häusern an Opfer des Nationalsozialismus, die dort bis zu Ihrer Emigration oder Deportation gewohnt hatten. Ingolstadt fehlt auf der Liste. Das ändern jetzt Schüler des Schelner-Gymnasiums: Im März lassen sie „Stolpersteine“ ein.

Sie blieben. Dem Terror zum Trotz. Ungeachtet der Warnungen. Während die Nationalsozialisten den Druck auf die Juden erhöhten, harrten Hedwig und David Hubert in ihrer Wohnung an der Griesmühlstraße aus. Einige Jahre zuvor hatte sich das Ehepaar aus dem Geschäftsleben zurückgezogen. Antonie, ihre Tochter, brachte sich in Sicherheit. Die Eltern nicht. Nach der Terrornacht auf den 10. November 1938, als im Reich die Synagogen und Tausende Läden von Juden brannten, zog man die Leichen von David und Hedwig Hubert aus der Donau.

Selbstmord, lautete die amtliche Version. Antonies Schwiegervater erforschte nach dem Krieg dieses düstere Kapitel der Ingolstädter Geschichte. Er fand heraus: SA-Männer hatten das Ehepaar gejagt und ermordet.

Ab März wird ein kleiner Stein im Pflaster der Griesmühlstraße vor dem Haus mit der Nummer 7 an die Huberts erinnern. Hier hatten sie gewohnt. Ihr Schicksal steht dann auf der Kopfseite des Steins, in Messing graviert.

30 000 dieser „Stolpersteine“ gibt es in Europa bereits (siehe Kasten). Dank der Initiative eines von Fritz Schäffer geleiteten Projektseminars des Scheiner-Gymnasiums gehört bald auch Ingolstadt zu den Orten, die auf diese bewusst schlichte Art der ermordeten und emigrierten Bürger gedenken und sie so „in die Heimat zurückholen“.

„Wir fühlen uns als junge Generation dafür verantwortlich, die Erinnerung wach zu halten“, betonten die Zwölftklässler Maximilian Bley, Luis Stadler und Raphael Kürzinger gestern bei der Vorstellung des Projekts. „Außerdem wollen wir die Gedenkkultur in der Stadt erweitern.“ Die Schüler haben die Biografien von 30 Bürgern erforscht und elf ausgewählt— „gut über die Altstadt verteilt“. Jetzt hoffen sie auf Paten für die Steine, von den einer 120 Euro kostet. Wer Interesse hat, schreibe an: tobias-bayer@gmx.net.

30 000 DENKANSTÖSSE GEGEN DAS VERGESSEN

Initiator der Aktion ist der 1947 geborene Künstler Gunter Demnig. Er verlegte 1993 die ersten Stolpersteine - noch ohne Erlaubnis. Seit dem Jahr 2000 treibt er das Erinnerungsprojekt (Motto: „Ein Stein. Ein Name. Ein Mensch.“) ganz offiziell in Deutschland und einigen Nachbarländern voran. Demnig hat für sein Engagement viele Preise erhalten.

Bislang sind nach seinen Angaben fast 700 Orte an dem Projekt beteiligt. Rund 30 000 „Stolpersteine“ wurden bereits in Europa verlegt. „Viele weitere Orte haben angefragt“, berichtet der Künstler.

Sein Credo: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Das Vorhaben dient zugleich der Erforschung der Nazizeit. Demnig: „Es empfiehlt sich, Archive und Geschichtsvereine einzubinden und um Rat zu den Quellen zu befragen.“

Auf der Internetseite www. stolpersteine.com schreibt der Künstler: „Jedes Opfer erhält einen eigenen Stein. Gedacht wird mit diesem Projekt aller verfolgten, ermordeten Opfer des Nationalsozialismus: jüdischer Bürger, Sinti und Roma, politisch Verfolgter, religiös Verfolgter, Zeugen Jehovas, Homosexueller und Euthanasieopfer; letztlich aller Menschen, die unter diesem Regime leiden mussten. Unser Anliegen ist es, im Gedenken die Familien wieder zusammenzuführen. Deshalb werden auch überlebende Familienangehörige einbezogen (etwa Kinder, die in Sicherheit gebracht werden konnten; Angehörige, denen die Flucht gelang; KZ-Überlebende; u. a.).“ Gedacht wird ferner der Menschen, „die unter dem Druck der damaligen Umstände ihrem Leben ein Ende setzten“.

Auf der Internetseite finden sich auch Informationen über das Antragsverfahren und die Möglichkeit, Patenschaften für Steine zu übernehmen. DK