Ein bisschen entspannter zum Abitur

Die Zahl der G8-Abbrecher steigt deutlich – „Alles andere als ein Unglück“, sagen die Realschulleiter
 
Ingolstadt (DK) Die G8-Reform zeigt Wirkung–wenn auch nicht im Sinn der Erfinder: Immer mehr Schüler brechen das Gymnasium ab und gehen auf die Realschule. Einige kehren dem G8 sogar trotz guter Noten den Rücken, umdem Druck auszuweichen. Allerdings sind die Gründe für diese Entwicklung vielfältig.
 
Den Leitern der Ingolstädter Realschulenmangelt es nicht an Selbstbewusstsein. Prestigeduelle mit den Gymnasien haben sie nicht nötig. Ein Fall aber gab Peter Riedl, dem Chef der Ickstatt-Realschule, dann doch zu denken: „Die beste Schülerin des Abschlussjahrgangs 2010 ist erst in der neunten Klasse vom Gymnasium zu uns gekommen. Aber nicht etwa, weil ihre Noten zum Fürchten gewesen wären, denn das waren sie überhaupt nicht, sondern weil sie sich nicht länger dem Druck des G8 aussetzen wollte.“
 
Die Flucht vom Gymnasium trotz ordentlicher Leistungen – für Riedl ist das keine Ausnahme mehr. Rund 60 Schüler sind seit vergangenem Sommer von Gymnasien auf die Ickstatt-Realschule gewechselt, allein zum Halbjahr fingen 15 Fünftklässler an. Die meisten kamen mit der „straffen Arbeitshaltung am Gymnasium“nicht zurecht. „Da tun sich gerade Jüngere bei uns natürlich leichter“, sagt Riedl. Zu G9-Zeiten sei die Zahl der Abbrecher niedriger gewesen.
 
Das bestätigt Heinz Hinzen, der Direktor der Fronhofer-Realschule. Seit Herbst haben bei ihm 35 Ex-Gymnasiasten angefangen. „Sie kommen vor allem aus fünften und sechsten Klassen, wenn die Eltern sehen, dass ihre Kinder überfordert sind.“ Auch die zweite Fremdsprache ab der sechsten Klasse sei eine hohe Hürde. Hinzen: „Da wird es für einige Kinder eng.“ Doch der Realschuldirektor warnt vor Schwarz-Weiß-Malerei. „Es wäre unfair, nur aufs G8 einzuschlagen, denn die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig.“ Er weist auf die rapide steigende Übertrittsquote hin. Je mehr Schüler aufs Gymnasium drängen, desto größer sei auch die Zahl derer, die scheitern. "Dakommt vieles zusammen“, sagt Hinzen.
 
Die Gnadenthal-Mädchenrealschule liegt allerdings nicht im Trend. Direktor Ludwig Hörner sieht die Zahl der Anfragen von Gymnasiasten im üblichen Rahmen. „Vor der Einführung der sechsstufigen Realschule kamen wesentlich mehr Gymnasiasten zu uns.“ Im Übrigen sei das alles andere als ein Unglück. Hörner ärgert es, wenn es heißt, die Realschule sei ein Umweg. „Sie ist ein anderer Weg!“
 
An den Gymnasien sieht man diese Entwicklung unaufgeregt. „Wir führen darüber keine Statistik“, sagt Claus Schredl, stellvertretender Leiter des Scheiner-Gymnasiums; das würde nichts helfen. „Die Fluktuation ist hoch, aber wir wissen nicht, wieso uns einer verlässt. Zieht die Familie um? Oder geht er auf ein anderes Gymnasium?“ Auch Schredl weist auf die steigende Zahl von Gymnasiasten hin: „Als ich 1993 Lehrer wurde, lag die Übertrittsquote bei 22 Prozent, bald sind’s 50 Prozent.“ Auch das erkläre die höhere Zahl von Abbrechern.