Ein beispielhaftes Integrationsprojekt

Cool sein mit Schostakowitsch

In Ingolstadt haben Gymnasiasten und Hauptschüler zusammen „Romeo und Julia” als Tanztheater inszeniert

Von Sabine Buchwald

Ingolstadt - Susan Oswell wischt sich mit einem Zipfel ihres T-Shirts die Schweißperlen von der Oberlippe. „Ich hätte nicht gedacht, dass diese jungen Leute mich so begeistern.” Sie setzt sich, bevor sie weiterredet. Die letzten Probentage haben Kraft gekostet. Stundenlang hat sie vergangene Nacht am Lichtdesign in der Alten Viehmarkthalle gefeilt. Heute morgen stand sie um zehn wieder auf dem Bühnenteppich und ärgerte sich über die Unpünktlichkeit mancher Schüler. Ihre Stimme überschlägt sich fast, als sie zu Ruhe und zum Mitmachen auffordert während der Dehnübungen zu Beginn der Probe. Den jungen Männern, die wenig später mit Flickflacks und schnellen Hip-Hopper-Flairs über den Boden wirbeln, schreit sie zu: „Ihr seid doch Sportler und wisst, dass man sich aufwärmen muss.”

Nach sechs Monaten sollten sie es verstanden haben, die 60 Schülerinnen und Schüler. Seit Januar proben sie mit Oswell, der Tänzerin, Schauspielerin und Komponistin. Sie ist der einzige Profi auf der Bühne, abgesehen von den Musikern des Georgischen Kammerorchesters Ingolstadt mit Dirigent Markus Poschner. Aber die sitzen am Rand der Halle, und im Mittelpunkt, zwischen den beiden Zuschauerrängen, stehen die Jugendlichen: Hauptschüler der Herschel- und Lessingschule und die 20 des Christoph-Scheiner-Gymnasiums. Sie sind die Protagonisten eines Integrationsprojekts, das Schülern mit Migrationshintergrund, aus sozial schwachen Familien und Gymnasiasten näher bringen soll, was vielen von ihnen bislang unbekannt war: moderner Tanz als Ausdrucksmittel, Shakespeares Tragödie „Romeo und Julia” und Musik von Schostakowitsch, Nassidse und Zinzadse. „Ich habe am Anfang voll lachen müssen über diese Musik”, sagt die 16-jährige Hayriye, deren Eltern aus der Türkei stammen. Türkischer Pop, Hip-Hop gehören zu ihrer Welt. Bauchtanz hat sie vorher gekonnt, was Susan Oswell von, ihr wollte, war neu.

Ein Glücksgefühl

„Tanz ist mein Leben”, sagt nun das Mädchen aus der 8d der Herschelschule. Das klingt so echt wie das Bekenntnis von Oswell, die zehn Stunden vor der Generalprobe sagt: „Es ist ein unheimliches Glücksgefühl, so weit gekommen zu sein.” Dabei war ihr anfangs die Idee zu modisch. Diese Art von Projekten sei ausgebrochen wie eine Epidemie. Vorbild ist das „education project” der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle, bei dem vor drei Jahren 250 Jugendliche zu Werken von Strawinsky und Debussy tanzten; daraus entstand der Film „Rhythm is it”. Auch der Leiter des Hamburger Staatsballetts, John Neumeier, hat in „Focus an YOUth” Romeo und Julia mit 75 Schülern der Gesamtschule Allermöhe und Eleven des Staatsballetts aufgeführt. Und vor kurzem hat das Hip-HopExperiment an der Berliner Rütli-Schule viel Aufmerksamkeit bekommen.

Zu dieser Zeit aber waren Oswell und ihre Schüler schon über die Anfangsschwierigkeiten hinweg. Oswell hatte gelernt, dass cool sein alles und schwul sein das Gegenteil davon ist. Tanzen war für manche Schüler ziemlich schwul. Sie erschienen unregelmäßig zu den wöchentlichen Proben und mit breitem Kaugummigrinsen. Abgesprungen aber ist niemand. Zwei Sozialarbeiterinnen hätten mit Gesprächen geholfen, erzählt Oswell. Das Projekt sei stetig gewachsen. Zugesagt habe sie den Initiatoren, der Stiftung „Jugend fragt”, weil sie das Thema mitbestimmen und die Partitur selbst schreiben konnte. Als Hauptwerk hat sie Sulchan Nassidses Kammersymphonie gewählt. Georgische Musik, die auch die Schüler emotional packte. Prokofjews Ballettmusik hätte ihr zu wenig Handlungsspielraum gelassen. Sie hat der Familienfehde der Capulets und Montagues eine eigene Dynamik gegeben. Die verfeindeten Clans raufen bei Oswell mit Karate-Bewegungen und Hip-Hop-Elementen. Und es lieben sich gleich mehrere Romeos und Julias. Sieglinde Coroiu und Göksel Akcay bekennen in der berühmtesten Szene des Stücks, auf dem Balkon, ihre Liebe in ihren Muttersprachen, Rumänisch und Türkisch. Ansonsten wurde in dem Stück auf Text fast ganz verzichtet. Tanz kommt schließlich ohne Worte aus. Nur die Liedzeilen der türkischen Popstars Mehmet und Murat, sie passen einfach so gut: In einer Szene singen Göksel Akcay und Itemzi Akdeniz: „Wie du mich immer anschaust. Und ich schau mit Tränen in den Augen zu.”